Wednesday, November 21, 2012

Land der Blinden

Manche von euch, die mich persönlich und meine durchaus scharfe Kritik an der derzeitigen rechts-gerichteten extremistischen israelischen Regierung kennen, haben behauptet, dass mein erster veröffentlichter Blog "ready-made" war - soll heißen, dass ich, egal was passiert wäre, einen Grund gefunden hätte, diese Regierung zu kritisieren. 

Darauf wage ich, zwei Dinge zu antworten: Erstens, eine Regierung zu kritisieren, die, wie ich glaube, mein Heimatland zerstört, ist nicht nur ein Recht, sondern eine moralische Verpflichtung. Diese Regierung ist in jedem einzigen Aspekt gescheitert, und es ist zynisch, das Sicherheitsproblem als einen Weg aus diesem Scheitern zu verwenden. Wie dem auch sei, es ist zwar nicht die erste Regierung, die so handelt, aber die erste, die es so offensichtlich tut. 

Zweitens (und faszinierend genug) war der erste Artikel, den ich veröffentlicht habe, zwei Wochen vor dem gegenwärtigen Einsatz in Gaza fast komplett fertig. Das zeigt nur, wie klar das war. Nun da ich sicherlich kein Prophet irgendeiner Art bin (außer vielleicht für fußballbezogene Prophezeihungen), würde ich einfach sagen, dass das Gefühl, dass diese Regierung nur auf eine Gelegenheit wartet, die Dinge im Süden wieder zu entfachen, in der Luft lag und von vielen Israelis ausgesprochen wurde, inklusive hochrangiger Medien. All dies verschwand fast vollständig, als der Einsatz begann. Die einzige Quelle in den Medien, in der Kritik über die gegenwärtigen Geschehnisse enthalten ist, ist die Haaretz, die von Premierminister Netanjahu bereits als "sein schlimmster Feind" betitelt wurde. 


Wie auch immer, nicht mal in der Haaretz hätte ich erwartet, einen solch kritischen Artikel zu finden wie den von Nehemia Shtrasler vom 16. November, der vielleicht Israels wichtigster neoliberaler Publizist ist. Shtraslers Artikel ähnelt der Logik, die in meinem vorigen Post dargestellt wurde, nämlich, dass die gegenwärtige israelische Regierung und die Hamas zwei Seiten der genau gleichen Münze sind. Er führte uns nur ein paar Tage zuvor zurück zu einem Interview, das vom israelischen Fernsehsender Channel 2 mit dem Präsident der palästinensischen Autonomiebehörde, Mahmoud Abbas, geführt wurde. Der folgende Link zu dem Interview ist auf Hebräisch, und nachdem Abbas in den ersten vier Minuten auf Arabisch antwortet, switcht er um 4:20 beim wichtigen Teil zu Englisch, und macht erstaunliche Aussagen. Bitte nehmt euch die Zeit, das anzusehen, weil es von entscheidender Bedeutung für den gegenwärtigen Konflikt ist:


 

(Wenn der Link nicht funktioniert, kann man das Video hier ansehen).

Jeder Friedensaktivist in Israel würde sagen, dass da nicht viel Neues in Abbas Ansatz ist. Er ist trotzdem der entgegenkommendste, pragmatischste Führende in der Geschichte der palästinensischen Nation. Die letzten drei Jahre hat er wiederholt versucht, auf die Verhandlungen mit der israelischen Seite zurückzukommen. Seine Bedingung während der Jahre war, dass Israel während der Verhandlungen aufhören muss, in den Siedlungen zu bauen. Das ist eine mehr als legitimierte Bedingung, ähnlich dem israelischen Sprichwort: "wir verhandeln nicht unter Feuer."

Dennoch, und trotz andauernder Verweigerungen der israelischen Seite, entscheidet Abbas sich, Israels populärster Nachrichtensendung ein Interview zu geben und zu erklären, dass die einzige Möglichkeit, jemals in seine Heimatstadt Safed, Israel, zurückzukehren, als Tourist sei. Das palästinensische Flüchtlingsproblem ist der Kern des israelisch-palästinensischen Konflikts. Jedem führenden Palästinenser war es klar, dass ihnen jeder Kompromiss in diesem heiklen Thema ihre Position und ihr Leben kosten könnte. Abbas unternahm diesen Schritt, denn er verstand, dass er, völlig verzweifelt über die gegenwärtige israelische Regierung, mit den Israelis selbst sprechen musste. Und was könnte einen besseren Zeitpunkt darstellen als zwei Monate vor den Wahlen?


Doch Führende wie Abbas, behauptet Shtrasler, seien nicht die Art von Führenden, die die gegenwärtige israelische Regierung leiden könne. Sie seien zu pragmatisch, zu liberal und sie glaubten nicht an Gewalt. Nicht wie der Premierminister der Hamas, Ismail Haniyya, der sich an eine militante militärische Annäherung gegen Israel macht, und Gewalt dem Dialog vorzieht. Diese Art Führende bevorzugt die Regierung deshalb, weil sie gewährleisten, dass rechte Hardliner immer ihre Macht behalten, und immer bereit sind für Konflikte, wenn die Situation in den Wahlumfragen nicht befriedigend genug ist, oder wenn zu viele hungrige Leute eine Antwort verlangen.


Vorgestern, am 19. November, stand in der Haaretz, dass die öffentliche Unterstützung für Premierminister Netanjahu und Verteidigungsminister Barak im Durchschnitt 20% sprang seit Beginn des Einsatzes. In der Zwischenzeit wurden die anderen Probleme auf die Seite geschoben, in die Ecken der öffentlichen Meinung. 
Der lustig-traurige Status des israelischen Kolumnisten Shlomo Kraus erlangte gestern meine Aufmerksamkeit: "Heute Morgen sah ich eine alte Frau, die in einem Müllhaufen auf der Straße herumstocherte. Ich musste an mich halten, um ihr nicht zu sagen, dass sie in Zeiten wie diesen aufhören sollte, mit sowas herumzuspielen."

Roy Siny
Großen Dank an Kristin Engelhardt und Josche Axt

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