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Monday, January 14, 2013

Hass

Die eher einschläfernde Wahlkampagne in Israel heizte sich vergangene Woche mit dem Beginn der Wahlpropaganda im Fernsehen etwas auf. Wie es immer so ist, versuchen die großen Parteien, eher vage Aussagen zu machen, während die kleinen Parteien – die natürlich viel mehr auf die Wähleröffentlichkeit angewiesen sind – ihre Botschaft in einem provokativen Maße zuspitzen. Manche sind derartig provokant, dass sie schon disqualifiziert sind, bevor sie überhaupt ausgestrahlt werden. Zwei der Wahlwerbespots sind disqualifiziert worden: Der erste ist ein recht milder Clip der rechtsextremen Partei „Otzma Leyisrael“, der andere Wahlspot kommt von der arabischen Partei „Ballad“, und wurde nicht gezeigt, weil es sich um einen Cartoon handelt, in dem Avigdor Lieberman die Nationalhymne mit einem lächerlichen arabischen Akzent singt:








Der Clip scheint harmlos, kann aber tatsächlich als gesetzeswidrig angesehen werden, weil ein nationales Symbol – in diesem Fall, die Nationalhymne – verhöhnt wird. 
Der Kopf des Gremiums, das entscheidet, ob ein Clip auf Sendung geht oder nicht, ist Elyakim Rubinstein, ein seit Jahren angesehener Mann im israelischen Justizsystem. Rubinstein, ein praktizierender ultra-orthodoxer Jude, der – wie alle anderen praktizierenden ultra-orthodoxen Juden – jeden Morgen Gebete wie „Segnet Gott, der mich nicht als Frau geschaffen hat,“ oder „Segnet Gott, der mich nicht als Goy (Nicht-Jude. R.S) geschaffen hat,“ wiederholt, hat allerdings an folgendem Clip dieser Wahlkampagne nichts auszusetzen (drückt "CC" für deutsche Untertitel):





Genau dieses Video wurde an Millionen von Menschen in Israel ausgestrahlt. Diejenigen von euch, die mit der deutschen Propaganda in den 30-er Jahren vertraut sind, haben wahrscheinlich schon gewisse Gemeinsamkeiten erkannt.
Tatsächlich haben die Schas-Partei und Joseph Goebbels vieles gemeinsam und das Video hätte auch anderen Regimes zu anderen Zeiten dienen können. Eine kurze Erinnerung: Schas ist keine kleine Partei. Mit elf von insgesamt 120 Mandaten ist die Partei eine der großen Partner von Netanjahus Regierung und war ein Koalitionspartner in den meisten Regierungen in den vergangenen 20 Jahren; Sie hatten maßgeblich das Sagen im Innenministerium. 

Um die Tiefe der rassistischen und menschenverachtenden Botschaft in dem Video zu verstehen, müssen wir erst einmal den Hintergrund der Schas-Partei als Schlüsselfigur in der israelischen Politik verstehen. Die wahrscheinlich tiefgründigste Forschung zum Schas-Phänomen stammt von Professor Yoav Peled, einer der bewundernswertesten Wissenschaftler und Dozenten, die ich während meiner Zeit an der Universität in Tel-Aviv kennen gelernt habe. Um seine Analyse kurz darzustellen: Peled geht zurück in die Zeit der Eingliederung der Sephardi-Juden durch die Ashkenazi-Juden. Letztere haben die Sephardi-Juden als minderwertig behandelt, ließen diese Angestelltenberufe ausüben, um eine Arbeiterklasse ausgehend von der ethnischen Herkunft zu schaffen. Da die Sephardi-Juden überwiegend aus arabischen Ländern nach Israel kamen, bedeutete jeder Versuch der Vereinigung, jede Anstrengung, ihren gemeinsamen kulturellen Nenner auszumachen, ein Hervorkehren ihres arabischen kulturellen Hintergrunds und somit ihre Ähnlichkeit zum Feind. Diese Versuche sind bisher zweimal unternommen worden: Das erste Mal im Jahre 1959 während der Wadi Salib-Rebellion und das zweite Mal Anfang der 70-er Jahre mit der Schwarzen-Panther-Bewegung. 

Über ein Jahrzehnt später, im Jahre 1982 verstanden die Sephardis schließlich, dass, wenn sie ihre demographische in politische Macht umsetzen und sich als Sephardis vereinigen wollen, würde ihnen dieses nur auf Basis des einzigen kleinsten gemeinsamen Nenners, den sie mit den Ashkenazis haben, möglich sein: Dem Judentum. Das heißt, dass sie einsahen, dass eine Vereinigung auf der Basis der ethnischen Herkunft notwendigerweise nur eine Hervorhebung ihrer Ähnlichkeit mit den Arabern, dem Feind, bedeuten würde. 

Daher musste ein jüdisch-religiöser Aspekt in dem Konzept inbegriffen sein und so wurde die Schas-Partei als eine sephardi-jüdisch-religiöse Partei gegründet. Der Erfolg war jenseits aller Vorstellung: Von vier Mandaten im Jahre 1984 zu 17 Mandaten im Jahre 1999. 

Schas hat ihren Einfluss schnell und effizient vergrößert. Es lag nicht nur an dem Versprechen, die verlorene Ehre der Sephardis wieder herzustellen. Vielmehr lag es auch an deren Konzept des religiösen Schulsystems, in dem nicht viel Wert auf Mathematik und Fremdsprachen gelegt wird, Kinder aber ein warmes Mittagessen bekommen. Für viele arme Familien in Israel, mehrheitlich Sephardis, reichte dies aus, um ihr Vertrauen in Schas zu stecken. 

So verwandelte sich eine Generation der Armut zu einer Generation der Armut und der Ignoranz und Schas wurde von fast jeder israelischen Regierung dafür gepriesen, dass sie das revolutionäre Potential der israelischen Arbeiterklasse eliminiert hatten. 
Jetzt fragst du dich, was das alles mit diesem furchtbarem Wahlwerbespot zu tun hat. Schas war Bestandteil fast jeder Regierung in den letzten 30 Jahren. In Anbetracht der Tatsache, dass die Schas gerade zu jener Zeit eine der größten Parteien der israelischen Politik wurde, als die Armut drastisch gestiegen war und die Kluft zwischen Arm und Reich den Status eines Dritte-Welt-Landes erreichte, ist es ihr ganz offensichtlich misslungen, für ihr Volk zu sorgen. Dennoch lernte die Schas eine bedeutende Lektion der israelischen Politik: Finde einen Feind und du kannst tun, was auch immer du willst. Netanjahu hat den Iran, um den Israelis Angst einzujagen. Gelegentlich auch die Hamas. Aber, welchen Feind kann die Schas finden, eine Partei, die aus Politikern besteht, die sich generell nicht der IDF verpflichten? 

Die Antwort liegt in der ständigen Wahl der Schas, das Innenministerium in die Hand zu nehmen. Gegen die Feinde von Außen braucht man also eine Armee. Aber, das ist nicht das, was die Schas-Leute machen wollen. Aber um einen internen Feind zu finden, ist alles, was man braucht, nur ein paar Beamte. Und das funktionierte. Den ersten Feind, den Schas gefunden hat, waren die Einwandernden der ehemaligen Sowjetunion. Die Jahre des Stalinismus und ein System, das einerseits versucht hat, Religion abzuschaffen und auf der anderen Seite dokumentiert hat, wer Jude aufgrund des Vaters und nicht der Mutter ist,  hat diese Immigrant_innen zu dem gemacht, was die Schas als eine Bedrohung des jüdischen Staates beschreibt. 

Betrachten wir nun genauer, was wir in dem vorherigen Clip gesehen haben. Auf der einen Seite einen Bräutigam, ein Sephardi-Jude natürlich. Daneben eine Braut, sie ist Russin. Die Braut spricht Hebräisch mit einem lächerlichen russischen Akzent. Wenn sie kompliziertere Worte, wie „was“ und „ja“ benutzen soll, stockt sie und wechselt in ihre Muttersprache. Hinter dem Paar steht ein Sicherheitsbediensteter, auch russisch aussehend. Warum? Was ist die versteckte Botschaft? In Israel ist es gewöhnlich, überall Sicherheitspersonal anzutreffen. Viele von diesen sind russischer Herkunft. Aber warum bei einer Hochzeit? Überlege mal kurz, welche Frauen Personenschutz brauchen. Die einzigen, die mir sofort einfallen, sind Prostituierte. Und genau das ist es, was Schas macht: Schas versucht, die widerlichsten Klischees der früheren Einwanderinnen aus der Sowjetunion zu bedienen. In den Augen der Schas sind die Eingewanderten aus der ehemaligen Sowjetunion nicht jüdisch genug. 

Tatsächlich sind um die 350.000 Israelis, ca. ein Drittel der kompletten  Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion, die sich im Land befinden als "religionslos" gemeldet. In Israel heißt das unter anderem, dass diese Menschen nicht heiraten dürfen. 
Schaut euch nun mal an, wie angewidert der Bräutigam von der Braut ist, kurz nachdem er erfährt, dass sie keine Jüdin ist, obwohl er sie vorher vermutlich noch aus Liebe heiraten wollte. Dieser Ekel ist keine Übertreibung. Das ist die Art und Weise, wie orthodoxe Juden jeden Nicht-Juden betrachten.

Es gibt natürlich auch andere Wege, das liberale Judentum ist einer. Während meiner Zeit als Schaliach in Deutschland, war es wohl mein bedeutendstes Ziel, jungen jüdischen Erwachsenen eine differenziertere Sicht auf das Judentum zu vermitteln. Eine Ansicht, die die rassistische und archaische Note des „ausgewählten Volkes“ verbietet und alle Menschen als gleich ansieht. 

Leider ist es in Deutschland genau wie in Israel so, dass in den meisten jüdischen Institutionen orthodoxe Juden die Vormachtstellung haben, was für die Vermittlung dieser Werte natürlich eine Gefahr darstellt – es ist Blasphemie. 

Ein deutscher Freund und ein großer Unterstützer Israels erläuterte mir gegenüber mal eine sehr interessante Sicht auf den Holocaust. Er sagte, dass dieser in erster Linie ein Krieg war, den die eine Rasse der anderen erklärte. Beide hielten sich für überlegen. Seitdem konnte es nur eine Rasse geben, die Nazis mussten den Konkurrenten für diesen Titel ausschalten – die Juden. Die Wahlkampagne der Schas anzuschauen, erinnert mich an diese Auffassung. 

Roy Siny
Übersetzung von Kristin Engelhardt und Constanze Haas